KI entschlüsselt Regeln eines 1.500 Jahre alten römischen Brettspiels

Römischer Spielstein aus Heerlen mit eingeritztem Spielbrettmuster - KI rekonstruierte die Spielregeln
Der römische Spielstein aus Heerlen mit dem eingeritzten Spielbrettmuster. Bild: Universiteit Leiden

Forscher der Universität Leiden haben mithilfe von künstlicher Intelligenz die Spielregeln eines bisher unbekannten römischen Brettspiels rekonstruiert. Der Fund zeigt: Diese Art von Spielen wurde Jahrhunderte früher gespielt als bisher angenommen.

Ein unscheinbarer Kalkstein, gerade einmal 21 mal 14,5 Zentimeter gross, lag jahrzehntelang unbeachtet in einer Museumssammlung. Doch was Archäologe Walter Crist von der Universität Leiden 2020 im Thermenmuseum Heerlen (heute: Roman Museum) entdeckte, entpuppte sich als archäologische Sensation: ein Spielbrett aus der Römerzeit – mit Spielregeln, die seit über 1.500 Jahren niemand mehr kannte.

Ein Rätsel aus der Antike

Der Stein wurde bereits Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts in Heerlen ausgegraben – dem Ort der ehemaligen römischen Siedlung Coriovallum. Crist, ein Experte für antike Spiele, erkannte sofort das Potenzial: «Das Erscheinungsbild des Steins zusammen mit den Abnutzungsspuren deutete stark auf ein Spiel hin, aber ich erkannte das Muster nicht von anderen antiken Spielen, die ich kenne.»

Der Kalkstein zeigt ein Rechteck mit vier diagonalen Linien an den Ecken und einer geraden Linie durch die Mitte. Unter dem Mikroskop wurden die Geheimnisse sichtbar: Abnutzungsspuren genau dort, wo Spielsteine entlang geschoben worden wären. Hochauflösende 3D-Scans des Restaurierungsstudios Restaura aus Heerlen machten deutlich, dass manche Rillen einen Bruchteil eines Millimeters tiefer waren als andere – ein Zeichen für intensivere Nutzung bestimmter Spielzüge.

Zwei KI-Agenten spielen gegeneinander

Um die verlorenen Spielregeln zu rekonstruieren, wählten die Forscher einen ungewöhnlichen Ansatz: Sie liessen zwei KI-Agenten gegeneinander antreten. Mithilfe von «Ludii», einem KI-gesteuerten Spielsystem der Universität Maastricht, simulierten sie unzählige Partien auf dem virtuellen Nachbau des antiken Spielbretts.

Als Ausgangspunkt dienten dokumentierte Regeln europäischer Brettspiele aus verschiedenen Epochen. Das Ergebnis: Die Abnutzungsmuster passen am besten zu einem sogenannten Blockierspiel – einer Spielgattung, bei der das Ziel darin besteht, den Gegner an der Bewegung zu hindern. Ein ähnlich innovativer Ansatz, wie KI-Sprachmodelle heute neue Wege in der Forschung eröffnen.

Eine Entdeckung, die Geschichte umschreibt

Die Bedeutung des Fundes geht weit über einen einzelnen Spielstein hinaus. Bisher waren Blockierspiele erst aus dem Mittelalter dokumentiert. Der Stein aus Heerlen, der auf ein Alter von 1.500 bis 1.700 Jahren datiert wird, verschiebt diese Geschichte um mehrere Jahrhunderte nach hinten.

Die Forscher haben dem wiederentdeckten Spiel den Namen «Ludus Coriovalli» gegeben – nach dem römischen Namen der Siedlung, in der es gefunden wurde. Die vollständigen Ergebnisse wurden im Fachmagazin Antiquity veröffentlicht.

Selbst ausprobieren

Wer das antike Spiel selbst erleben möchte, kann dies bereits tun: Auf der Projektseite von Ludii steht «Ludus Coriovalli» zum kostenlosen Online-Spielen bereit.

Ein neues Werkzeug für die Archäologie

«Dies ist das erste Mal, dass KI-gesteuertes simuliertes Spielen mit archäologischen Methoden kombiniert wurde, um ein Brettspiel zu identifizieren», erklärt Crist. Die Methode könnte künftig dabei helfen, weitere rätselhafte Spielfunde aus der Antike zu entschlüsseln – und so einen Einblick in den Alltag und die Freizeitgestaltung vergangener Kulturen zu gewähren.